„Es ist nie vorbei“

veröffentlicht 08.01.2026 von T. Schlitt, Ev. Dekanat Vogelsberg

Kein leichtes, doch ein notwendiges Thema für die Mitarbeitenden im Evangelischen Dekanat: Fachtstelle gegen Sexualisierte Gewalt der EKHN veranstaltet Fachtag in Maar.

2024 brachte die von der Evangelischen Kirche und der Diakonie in Auftrag gegeben Forum-Studie ans Licht, welches Ausmaß sexualisierte Gewalt auch in der Evangelischen Kirche angenommen hatte. Grund genug, genauer hinzuschauen und die Erkenntnisse zu nutzen, die aus der Studie hervorgehen und die dazu beitragen können, Intervention, Prävention und Aufarbeitung zu verbessern und sich dabei stets an den Bedürfnissen betroffener Personen zu orientieren.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat dazu eine Fachstelle gegen Sexualisierte Gewalt eingesetzt. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört es, die Dekanate und damit auch die Kirchengemeinden für einen professionellen und achtsamen Umgang mit diesem Thema zu sensibilisieren. Dazu boten Dr. Petra Knötzele, Leiterin der Fachstelle, und Anette Neff, verantwortlich für den Bereich Aufarbeitung, vor kurzem einen Fachtag im Evangelischen Dekanat Vogelsberg im DGH in Maar an. Die Teilnahme war aufgrund des wichtigen Themas dienstverpflichtend für alle Pfarrpersonen und Mitarbeitende im Dekanat, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wie Gemeindepädagogen oder Kirchenmusikerinnen. Auch die Ehrenamtlichen waren dazu eingeladen. Das Team der Fachstelle wurde begleitet von Alexandra. Sie ist eine der vielen Betroffenen, die sich nach sexueller Gewalterfahrung durch kirchliche Mitarbeiter bei der Kirche gemeldet haben und für die Rechte der betroffenen Menschen eintreten. Sie geht mit ihrer Teilnahme an solchen Veranstaltungen gleichzeitig auf die Menschen zu, um deren Perspektive auf das Thema um die Betroffenen-Perspektive zu erweitern.

„Dies ist kein leichtes Thema“, betonte Luise Berroth, stellvertretende Dekanin im Vogelsberg und Zuständige für die Mitarbeitenden im Bereich Kinder- und Jugendarbeit, in ihrer Begrüßung. Wie sehr die Kirche sich den Tatsachen und den aus der Studie erwachsenden Folgen stellt, wurde bereits in der Andacht deutlich, die Knötzele und Neff mitgebracht hatten: Sie thematisierte Wunden und Verletzungen und versuchte sich in der Hoffnung, zeigte aber auch das Bewusstsein, dass Vergebung kaum möglich ist. 

34 Jahre vergingen durchschnittlich, bis ein Missbrauch zur Sprache käme, sagte Petra Knötzele einleitend: Das „gemeinsame Geheimnis“, das Schweigen und die Schuldverschiebung hin zum Betroffenen seien Teil des Missbrauchs. Schon in einer biblischen Überlieferung wurde das Opfer einer Vergewaltigung zum Schweigen aufgefordert. Viele Betroffene sprechen heute von Schuldzuweisungen: „Wer soll dir schon glauben? Du hast mich verführt. Du machst meine Familie kaputt.“ Mit einem Film, den die Fachstelle aus Zitaten von Betroffenen bestückt hat, wurden die Eindrücke vertieft: Menschen berichten hier, wie es geschah, wo, wie oft und was die Täter sagten. Schwer auszuhalten war das, schon allein beim Zuhören. Die Orte waren allen vertraut: das Pfarrhaus, der Gemeindesaal, die Kirche – Orte, die Schutz gewähren sollen und genau das Gegenteil davon waren.

Eine zentrale Erkenntnis aus der FORUM-Studie ist die Frage der Macht. Pfarrpersonen, aber auch andere Personen in Leitungsrollen, verfügen über eine Deutungsmacht, die problematisch eingesetzt werden kann – und wurde. Die Betroffenen sprechen von Ekel, Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit. Für sie erwuchsen daraus Selbstzweifel, Selbsthass, körperliche und psychische Beschwerden, die nicht vergehen. Dies berichtete Alexandra sehr eindringlich. „Es ist nie vorbei“, sagte sie und erzählte von Alpträumen, Flashbacks, dissoziativen Phasen und der Unmöglichkeit zu vertrauen. Beziehungen seien kaum möglich, körperliche Nähe schwer zu ertragen. 

Die Teilnehmenden hatten nach diesen intensiven Einführungen die Gelegenheit, in Kleingruppen zu gehen und aus ihrem Alltag über Szenen zu sprechen, in denen sich regelmäßig die Fragen nach Nähe und Distanz stellen. Dies gelte gerade im seelsorgerlichen Kontext und der Arbeit mit jungen Menschen, die sich dem Pfarrer oder der Gemeindepädagogin anvertrauen möchten. Auch ganz praktisch ist das Thema Nähe und Distanz zu sehen: „Wenn ich nach einer Konfi-Stunde mit dem Einverständnis der Eltern die Kinder nachhause fahre, ist am Ende immer eines allein bei mir“, sagte einer der Teilnehmer. Gleichzeitig wurden Ideen formuliert, wie man Räume besser gestalten könne, um Sicherheit zu vermitteln: zwei Türen, mehr Licht, große Fenster. Im anschließenden Austausch aller Gruppen zeigte sich, dass es immer Situationen gibt, die missverständlich ausgelegt werden könnten. Und: Grenzen im Umgang miteinander variierten von Person zu Person, auch die Art der Wahrnehmung sei individuell. Im Verlauf des Fachtages ging es auch um respektvollen Umgang, um ein Gespür dafür, was eine Person braucht und was ein Zuviel an Nähe sein könnte.

Gut sei, wenn in den Teams offen über das Themen wie „Pädagogische Nähe“ gesprochen werde und die Organisationen ein Regelwerk haben und einen Ablaufplan für den Fall, dass es zu Übergriffen gekommen ist. Luise Berroth stellte vor, welche Maßnahmen es im Dekanat gibt. Dies ist u.a. ein ausgefeiltes Konzept zum Kindeswohl und Jugendschutz, dem sich alle Kirchengemeinden im Dekanatsgebiet angeschlossen haben. Es enthält verschiedene Handlungsanweisungen und benennt auch Ansprechpartner in konkreten Verdachtsfällen. Während Prävention und Intervention die Gebote der Stunde sind, beschäftigt sich die EKD nach wie vor intensiv mit der Aufarbeitung, hieß es von Seiten der Fachstelle. Hier sind im Dialog mit den Betroffenenvertretern weitere Module geplant, etwa ein vereinfachter Umgang mit der Anerkennungsleistung oder die Errichtung einer zentralen Ombudsstelle. Klar war demnach am Ende des Tages: Das Thema wird virulent bleiben; die kirchlichen Gremien sind darauf vorbereitet und werden den Schutz der Menschen, die sie aufsuchen, zum Maßstab des Handelns machen.