Wenn man sich mit Peter Weigle zum Abschiedsgespräch trifft, gibt es selbstgemachten Flammkuchen und ein Glas Wein. Der Pfarrer liebt’s gemütlich und gastfreundlich; kein einziges Mal war er im Dekanatsgebäude, ohne MonChéri mitzubringen – oder etwas ähnlich Nettes. „Liebelein“, war einer seiner bevorzugten Kosenamen für einzelne Mitarbeiterinnen – kurz: Wenn man Peter Weigle sah, war alles gut. Der Pfarrer weiß aus eigener Erfahrung, wie kostbar das Leben ist, jeden Tag, und man hat bei ihm stets das Gefühl, dass er es sich und anderen angenehm machen möchte. Auch wenn beides zusammen nicht immer geht.
Nun geht der fast 65-Jährige in den Ruhestand. Seine neun letzten Berufsjahre hat er im Vogelsberg verbracht, im Gruppenpfarramt die meiste Zeit. „Dass ich das noch erleben durfte“, ruft er rückblickend aus und wundert sich selbst ein wenig, „dass das gutging“. Denn Peter Weigle hat nicht den klassischen Pfarrer-Lebenslauf hingelegt – wenn es den überhaupt gibt. Geboren ist er in Wuppertal, aufgewachsen in Bad Schwalbach. Getauft war er zwar, doch Kirche spielte in seiner Familie nie eine Rolle, und in der Grundschule machte er so schlechte Erfahrungen mit dem Pfarrer, dass er sich später nicht hat konfirmieren lassen. Mit einem neuen – katholischen - Pfarrer an seiner Schule lernte er Religion als „großes weites Feld der Möglichkeiten“ kennen – eine Erfahrung, die ihm sehr gefiel. Mit sechzehn Jahren hatte Peter Weigle eine Gotteserfahrung, über die er zwar nicht näher sprechen möchte, die aber den Grundstein für sein Theologiestudium gelegt hat – und konfirmiert war er zwischenzeitlich wohl auch. „Plötzlich war Gott überall – seine geballte Gegenwart war spürbar“, berichtet er. „Ich habe zuerst Gott kennengelernt und dann erst angefangen, das Christentum zu verstehen.“ Geleitet hat ihn bei all dem der Spruch „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wer Peter Weigle kennt, weiß, dass dazu ein Gedicht entstanden ist, denn die Poesie ist ein großes Steckenpferd des Pfarrers.
Sein Studium begann er in Mainz - „ein Grauen“, das er sich durch Mitwirkung in verschiedenen Gremien ein wenig verschönte. Auch in seiner WG, in der er bei weitem der Jüngste war, fühlte er sich wohl und getragen. Doch der Student wollte in die Welt hinaus und ergatterte über die World Alliance of Reformed Churches einen Studienplatz in Austin, Texas – eine Zeit und ein Studium, das er sehr genoss. Da sein Examen in Deutschland nicht anerkannt worden wäre, kam er 1983 wieder nach Deutschland zurück – mit dem HIV-Virus im Gepäck, was die Pläne Peter Weigles langfristig beeinflusste. Es folgte eine bis heute andauernde Geschichte über Diagnose, Erkrankungen und medizinische Hilfe, gerade in den Anfangsjahren, als eine HIV-Infektion oftmals tödlich verlief. Auch er verlor damals viele Weggefährten und bekam das Angebot, im Alter von 24 Jahren in Rente zu gehen, noch bevor er jemals seinen Beruf angetreten hatte. Doch das war nichts für ihn: Er ging nach Berlin, machte sein Examen, arbeitete nebenbei in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung und absolvierte sein Spezialvikariat in der Seelsorge am Uniklinikum in Frankfurt. Von Anfang an ging er offen mit seiner Diagnose um, immer wieder gab es gesundheitliche Rückschläge, sein Fazit: „Im Grunde genommen lebt man doch ganz gerne.“ 1992 – acht Jahre nach der Diagnose – wurde Peter Weigle in Frankfurt-Liederbach ordiniert. Drei Jahre blieb er in der Gemeinde, doch als seine Symptome schlimmer wurden, gab er die Stelle ab. In einem Zentrum für Erwachsenenbildung in der Lüneburger Heide fand er eine langfristige Aufgabe, als „Küster und Gemeindesekretär in einer Person.“ In diesen Jahren erkrankte Peter Weigle immer wieder, litt an den Symptomen wie an den Medikamenten und galt bald als austherapiert. „Ich war bereit zu gehen“, erinnert er sich und klammerte sich doch an eine weitere Hoffnung, als er die Möglichkeit bekam, Proband eines neuen Medikamentes zu werden. Wieder warteten harte Zeiten auf den Pfarrer, doch es ging ihm tatsächlich nach Jahren wieder so gut, dass er sich bei seiner Landeskirche meldete, weil er wieder als Pfarrer arbeiten wollte. Was ihm bislang erspart geblieben war – Anfeindungen und Diskriminierungen -, schlug ihm jetzt entgegen. Viele weitere Jahre blieb er daraufhin in der Lüneburger Heide, bis ihn schließlich 2017 doch noch der Ruf der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ereilte und man ihm die Stelle im Gruppenpfarramt anbot. Nach über zwanzig Jahren Pause stieg er wieder ein. Dass er dies tat, nach den vielen existenziellen und persönlichen Erfahrungen und Krisen, zeigt, dass er nicht zu den Aufgebern gehört, dass sein Gottvertrauen unerschütterlich ist. Und wer ihn als Pfarrer kennengelernt hat, weiß, dass es genau dieses Gottvertrauen ist, das es strahlend vermittelt.
„Ich kann es immer noch“, freute er sich anlässlich seiner ersten Predigten und Einsätze im Vogelsberg und weiß auch, dass ihm Verwaltung beispielsweise nicht so liegt. Im Gruppenpfarramt war der daher genau richtig. Er startete mit einer halben Stelle in Brauerschwend und war Springer im Dekanat, u.a. in Lehrbach und Erbenhausen, Meiches und Ehringshausen, wo er bis vor kurzem noch eine halbe Stelle innehatte. Doch nach seinem Schlaganfall vor zwei Jahren war ihm klar, dass die Einschränkungen aufgrund seiner HIV-Infektion und das, was vielleicht noch kommt, nun doch für den Ruhestand sprechen, obwohl er immer noch so gerne Pfarrer ist, die Menschen liebt, den Austausch, die Begegnung. Doch auch die Veränderungen in der Kirche nahm und nimmt er als anstrengend für alle Beteiligten wahr. Und so geht er nun zwar als Pfarrer, aber er bleibt als Mensch: Viele Freundschaften und Beziehungen hat er hier geknüpft und seine Storndorfer Wohnung ist ihm doch sehr ans Herz gewachsen. So wie der Vogelsberg und seine Menschen.
Die können sich am Sonntag, 10. Mai, um 14 Uhr in der Evangelischen Kirche in Brauerschwend von ihm verabschieden oder sich für ein Treffen im Ruhestand verabreden. Peter Weigle freut sich drauf.