Neulich nach dem Kindergarten: Mein Sohn war aufgebracht und sagte: „Ich war der Bettler, aber ich wollte Sankt Martin sein!“. In der Kindergartengruppe hatten sie vormittags das Martinsspiel nachgespielt; anlässlich des anstehenden Fests des Heiligen Sankt Martin am 11. November. Ein Kind war der Bettler und saß am Boden, ein anderes Kind war Sankt Martin und hat mit dem Bettler seinen roten Mantel geteilt. Aber anscheinend war mein Sohn mit seiner Rolle als Bettler nicht zufrieden. Mein Vorschlag, dass er ja am nächsten Tag Sankt Martin sein könnte, stieß auf taube Ohren.
Später habe ich mich gefragt: Was würde ich lieber sein? Der Bettler, also die Person, die Hilfe braucht? Oder lieber Sankt Martin, also derjenige, der Hilfe gibt? Oder anders gefragt: Wie sieht es gerade in meinem Leben aus? Bin ich gerade jemand, der Hilfe braucht? Oder jemand, der mit anderen etwas teilt? Was teile ich mit anderen?
In meinem beruflichen und privaten Umfeld gibt es Menschen, vor denen ich den Hut ziehe. Sie sind für mich eine Art Sankt Martin: Auch wenn sie selbst im Stress sind, haben sie immer ein offenes Ohr, ein gutes Wort. Sie teilen ihre Zeit und schenken demjenigen Aufmerksamkeit, der sie gerade braucht. Sie helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.
Ich wünsche mir, im Alltag öfters so sein zu können. Trotz Berufs- und Familientrubel, den jeder von uns hat.
Mal bin ich mehr Bettler, mal mehr Sankt Martin. Mal bin ich mehr bedürftig zum Beispiel, wenn ich mir Sorgen mache, traurig oder wütend bin. Dann bin ich dankbar, wenn mir in dunkleren Momenten jemand zur Seite steht. Und mal bin ich mehr die Gebende. Und dann freue ich mich, wenn ich für andere da sein kann. Wenn ich gebraucht werde.
Das Fest des Heiligen Sankt Martin erinnert mich daran, dass in jedem Menschen beides steckt.
Kathrin Landwehr-Martin, Regionaljugendreferentin Katholisches Jugendbüro Alsfeld.