„Seid Täter des Wortes“

veröffentlicht 09.05.2026 von Susann Franke, Ev. Dekanat Vogelsberg

Ein bewegender Abschied für Pfarrer Wolfgang Kratz

Es war ein Gottesdienst voller Dankbarkeit, Erinnerungen, Musik und spürbarer Verbundenheit: In der Kirche von Herchenhain wurde Pfarrer Wolfgang Kratz nach fast vier Jahrzehnten im Dienst der Evangelischen Kirche endgültig in den Ruhestand verabschiedet.

Der Sonntag Jubilate, ein Sonntag des Jubels, der Freude und der österlichen Hoffnung, hätte kaum passender sein können. „Jauchzet Gott, alle Lande“, hieß es zu Beginn. Und tatsächlich war dieser Gottesdienst mehr als eine Verabschiedung: Er war ein Fest des gelebten Glaubens.

Zweiter Abschied – endgültiger Ruhestand

Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer nahm die offizielle Verabschiedung vor. Sie erinnerte daran, dass dies eigentlich schon der „zweite Abschied“ sei. Bereits vor zwei Jahren war Wolfgang Kratz formal in den Ruhestand gegangen, hatte aber in direktem Anschluss erneut einen halben Dienstauftrag übernommen. „Mit einer Hand verabschiede ich Sie, mit der anderen Hand gebe ich Ihnen einen neuen Dienstauftrag“, so sagte damals Dekanin Dr. Seibert.

Ganz loslassen? Das war nie seine Art.

Nun, mit 70 Jahren, endet dieser Dienst endgültig.

In ihrer Ansprache stellte die Pröpstin das Bibelwort aus dem Johannesevangelium in den Mittelpunkt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Ein Bild, das kaum besser passen könnte. Denn Kratz war einer, der Frucht getragen hat. Durch Verlässlichkeit, Nähe und einen Glauben, der nicht laut, aber tief war.

Ein Leben für Kirche und Menschen

Sein Lebensweg begann in Ruppertenrod bei Grünberg. Geprägt von der Frömmigkeit seiner Großmutter, führte ihn sein Weg über das Studium der Evangelischen Theologie in Marburg und Wien, das Vikariat in Gießen und schließlich 1989 ins Kirchspiel Hopfgarten. Dort begann sein Dienst als Pfarrer und gleichzeitig seine besondere Berufung: die Gehörlosenseelsorge.

Mehr als 30 Jahre lang begleitete Wolfgang Kratz gehörlose und hörgeschädigte Menschen in Oberhessen. Eine Aufgabe, die für ihn nie nur ein Arbeitsfeld war, sondern Herzenssache blieb. 

Nach seiner Zeit in Oppenrod kehrte er 2010 zurück in den Vogelsberg, auf die sogenannte „höchste Pfarrstelle Hessens“ in Herchenhain, Hartmannshain und Sichenhausen. 

„Seid Täter des Wortes“

In seiner eigenen Predigt wurde deutlich, was ihn all die Jahre getragen hat. Sein Lieblingsvers aus dem Jakobusbrief lautet: „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein.“

Dieser Satz war für ihn nie nur Theologie, sondern Lebensprogramm.

„Ganz oben auf meiner Prioritätenliste stand immer, das Wort Gottes zu den Menschen zu bringen“, sagte er. Und das bedeutete für ihn weit mehr als Predigten: Taufen, Konfirmationen, Jubelkonfirmationen, Trauerfeiern, Besuche, Zuhören, Dasein. „Das ganz normale Leben eines Pfarrers“, wie er es nannte.

Eindrücklich sprach er darüber, dass Glaube sich nicht im Reden erschöpfen dürfe. Gottes Wort müsse vom Ohr ins Herz und schließlich in die Hände gelangen. Erst dann werde es lebendig.

Bewegende Momente zum Abschied

Besonders bewegend wurde es, als Familie und Weggefährten ihn segneten. Seine Tochter Henrike, selbst Pfarrerin in Essen, sprach ihm persönliche Worte zu. Es waren Momente, in denen deutlich wurde: Berufung und Leben waren bei Wolfgang Kratz nie voneinander zu trennen. Das zeigten auch die vielen Grußworte der Ortsvorstände und Vereine. 

Mit langem Applaus, bewegenden Liedern und einem anschließenden Beisammensein im Dorfgemeinschaftshaus endete ein Gottesdienst, der mehr war als ein Abschied.